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Frauen gründen anders, Männer auch

„Chef, ich kündige, um eine eigene Firma zu gründen“. Bevor sie spricht, macht sich Unruhe bemerkbar – bis in den Magen. Die Anstellung in einem Möbelunternehmen bot einen unbefristeten Vertrag und Karrierechancen. Für die 26-jährige bedeutet eine Unternehmensgründung ohne Startkapital eine Neuanfang. Annika Steven würde von Köln nach Hamburg ziehen, ihre Freunde verlassen, ihre Wohnung kündigen und in einer WG wohnen. Shopping und Wellness würde sie sich nicht mehr leisten können. Zeit für einen Mann in ihren Leben gäbe es wenig. Auch ist ein Start-Up kein sicheres Einkommen.

All diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf – keine leichte Entscheidung für eine Frau in ihrem Beruf. Unter den Möbeldesignern gibt es mehr Männer als Frauen, ebenso wie in der gesamten Gründerszene. Nur jedes dritte Start-Up wurde nach den Angaben des Gründungsmonitors der staatlichen Förderbank KfW in 2012 von einer Frau gegründet. Bei den Gründerpreisen wirkt es exotisch, wenn zumindest eine Frau dabei ist– so wie es 2012 beim Wettbewerb der WirtschaftsWoche mit der Co-Gründerin Birgit Gröger von Meine Möbelmanufaktur geschah. Schon bei der Auswahl sind kaum Frauen dabei.

Aber wenn sich Frauen für eine Gründung entscheiden, steigen „Freude, Euphorie und Tatendrang in mir auf“ sagt Annika Steven – so oder so ähnlich „fühlt sich ein Kick-Off richtig an“. Für den Optimismus gesorgt habe ihre Freundin Franziska Cadmus.

„Später machen wir was eigenes“ habe Franziska Cadmus schon mit 19 Jahren gesagt, damals, als sie sich bei der Eignungsprüfung 2005 zum Produktdesign-Studium an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel kennen lernten. „Unter 100 Bewerbern bekommen etwa sechs einen Platz“ sagt Annika Steven. Zu dieser Zeit hätte sie nicht gedacht, dass sie acht Jahre später in 2013 mit ihrer Kommilitonin ihre eigene Firma gründet.

Dass bei Frauen der Gründung oft ein Entwicklungsprozess von mehreren Jahren vorausgeht, weißt eine Studie der Hypovereinsbank (HVB) nach. Jedes Unternehmen hat eine Philosophie, sprich: eine Identität mit von innen heraustretenden Werten. Der Gründerreport der deutschen Industrie- und Handelskammer 2012 hatte fest gestellt, dass über 60 Prozent der männlichen Gründer ein Unternehmen gerne nach einem maximierten Gewinn ausrichten. Anders als Männer entwickeln Frauen ihre Indentität laut HVB-Studie eher aus einem eigenen, inneren Bedürfnis heraus. Auffällig sei, „dass Frauen eher kreative Ideen umsetzen“.

Erst designte Franziska Cadmus schon vor Jahren im Studium Handtaschen, deren Tragegurt den Zweck eines Schaals erfüllte. Danach kam sie auf die Idee, eine Krabbelhilfe für Babys mit Behinderung zu entwerfen. Annika Steven gestaltete einen Kinderkoffer. Beide dachten nicht daran, dass Möbeldesign für Kinder einmal ihre Einnahmequelle zur Umsetzung ihrer eigenen Kollektion für Erwachsenenmöbel werden würde. Nach dem Bachelorabschluss fand Annika Steven ihre Berufung im Masterstudiengang „Design of Playing and Learning“ in Halle. Um sozialen Design näher zu kommen, studierte Franziska Cadmus Psychologie in Trier, danach Möbeldesign in Kopenhagen. Im Sommer 2013 telefoniert sie mit Annika Steven in Köln und schrieb ihr in der selben Nacht eine Mail: „Lass uns starten“.

Die Mehrheit der Gründerinnen wartet, bis für sie der richtige Zeitpunkt gekommen ist, stellt die HVB-Studie fest. Aber ein Viertel der für die Studie Befragten behauptet, schnell Nägel mit Köpfen gemacht zu haben. Sofort stieg Annika Steven in den Zug nach Hamburg.
Mit einer eigenen Möbelkollektion wollen die beiden ihren Traum verwirklichen. Aber für eine erfolgreiche Selbstständigkeit sind zwei Standbeine für die Anlaufphase notwendig. Das sichere Tagesgeschäft bilden Designaufträge für Kindertagesstätten und andere Einrichtungen.

Nicht ohne Zweifel: Die Wahl des Standortes Hamburg war ein Risiko. „Frauen denken familiärer“ sagt sie. Auch das belegt die HVB-Studie, das Wichtigste neben dem Beruf sind für Gründerinnen die Familie und Freunde. Nach zwei Jahren Fernbeziehung wollte Franziska Cadmus ihre Heimat nicht verlassen. Aber die Hansestadt bietet im Vergleich zu Berlin keine Gründerförderungen. So hatten die beiden Frauen improvisiert, wie sie ohne Startkapital ein Möbeldesign-Studio mit eigener Werkstatt gründen. Für den Anfang richten die beiden ihr Büro mietfrei im Wohnzimmer bei Verwandten ein. Die Maschinen für die Werkstatt stammen aus einer Werkstattauflösung. Gestartet wurde mit zwei Aufträgen. „Das Honorar haben wir in die Prototypen unserer eigenen Möbelmarke investiert“ sagt Franziska Cadmus.

Kein einfacher Start, aber so entstand die dänische Möbeldesignmarke Mjuka. Sechs von zehn Frauen und 77 Prozent Männer aus der HVB-Befragung denken, dass Männer es bei der Gründung einfacher haben als Frauen. Das können die Gründerinnen nicht bestätigen. „Wir haben noch nie so viel Unterstützung bekommen, wie seitdem wir selbstständig arbeiten“ sagt Franziska Cadmus.

Vier Monate nach der Gründung können die beiden in eine Keksfabrik in Hamburg-Altona einziehen. Zeitgleich wurden die beiden Newcomerinnen von der Möbelmesse in Köln im Januar 2014 eingeladen. Unter anderem zeigten sie ein Regal, dessen Bretter mit Baumwollbändern zusammen gehalten werden. Hotels, Möbelgeschäfte und Privatkunden kaufen die Designerstücke. Wenn sie ihre eigenen Möbel betrachten, leuchten die Augen der Freundinnen. Beide sagen: „Ich war beruflich noch nie so glücklich wie jetzt mit unserem Start-Up“.

25/05/2014 / Caro Ritgen

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