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Leise Menschen – starke Wirkung

Kontaktfreudig, selbstbewusst, gesellig, aktiv und enthusiastisch soll eine junge Frau sein. Dann wird sie beruflich erfolgreich. Das predigt Heidi Klum in ihrer Modelshow und lebt jungen Frauen das extrovertierte Idealbild vor: sie plappert ständig, lacht, macht Witze, singt oder tanzt. Ist eine junge Frau zurück haltend, kritisiert Klum: „Du zeigst nicht genug Persönlichkeit“.

Dass gute Kontakte und Sympathie zu Karrieresprüngen verhelfen, ist bekannt. Die Berufswelt erscheint wie eine Flugbahn nach oben für Extrovertierte: Es gibt Konferenzen, Kaffeeküchen, Netzwerktreffen und After-Work-Partys. Wer laut von sich reden macht, bleibt im Gespräch. Die besten Netzwerker sind die Alphatiere und Siegreichen. Und was ist mit den Introvertierten?

Claudia Schiffer wird als arrogant und humorlos bezeichnet. „Zurückhaltung wird schnell als zugeknöpft interpretiert“ so Sylvia Löhken. Sie ist Expertin für Persönlichkeitstypologie. Kann man mit Schiffer „nicht warm“ werden? Keineswegs, sie lacht bloß nicht immer, sondern nur über Witze, die hintergründiger sind. Aber extrovertierte Menschen, die schnell und laut sprechen, werden als besser aussehend, intelligenter und kompetenter wahr genommen. Das wurde sogar in Studien bei Menschenaffen nachgewiesen: ständig aktive, vorlaute Gorillas überleben länger – wie Heidi Klum in den Medien.

Es wirkt, als seien mehr Menschen aufgeschlossen und kontaktfreudig, als nach innen gekehrt und zurück haltend. Der Schein trügt. Die Extrovertierten werden nur mehr wahrgenommen, weil sie mehr auffallen und mehr gestikulieren. Nach Löhken befindet sich die Menschheit in einem ausgeglichenen Verhältnis: 50 Prozent sind extrovertierte „Mittelpunktmenschen“. Die andere Hälfte introvertierte „Randmenschen“, die sich im Mittelpunkt unwohl fühlen und nicht gerne in einer Gruppe reden.

Das hat einen Grund: Ein Baby wird intro- oder extrovertiert geboren. Die Forschung hat nachgewiesen, dass Gehirne auf unterschiedliche Weise Stress abbauen und neue Energie gewinnen. Aus gegenseitigem Austausch gewinnen Extrovertierte neue Kraft. Für Introvertierte dagegen bedeuten Gespräche Anstrengung, Stress und Energieentzug. „Ruhigere Menschen sind ein geheimer Schatz“ sagt Löhken. „Smalltalk fällt Introvertierten schwer“ sagt die Expertin. Sie füllen Gespräche mit Inhalt. Forschungsergebnissen zufolge hören Intros besser zu, speichern mehr Details und schöpfen aus der Tiefe ihres Wissens. Sie denken tiefgründiger und weiter. Ihre besondere Fähigkeit sei das analytische Denken. Davon werden sie müde und angestrengt. Ihre Akkus laden sie durch ruhige Aktivitäten und Alleinsein auf.

Gespräche und Vorträge seien für extrovertierte Köpfe dagegen kaum eine Anstrengung, sagt die Expertin: „Sie gehen nicht so tief“. Aber durch ihre lebhafte Art gewinnen sie die Sympathie und Zuneigung. Sie sind angenehmer und entspannter, denn für sie bedeuten Partys, Freunde treffen, telefonieren, chatten und aktiv sein Entspannung und neue Energie.

Für Extrovertierte mag ein introvertiertes Leben seltsam erscheinen, denn diese Menschen brauchen mehr sozialen Rückzug zum Denken. So sind auch die introvertierten Gehirne ihrer Macher Schuld an Einsteins Relativitätstheorie, den Filmen von Steven Spielberg, Bill Gates Erfindung von Microsoft-Windows und Mark Zuckerbergs Facebook. In den USA beginnen Wissenschaft und Wirtschaft das Potenzial der Stillen zu verstehen.

Wer hätte es gedacht? Die punkige Rotzgören-Persönlichkeit der Sängerin Avril Lavigne wurde von Marketing-Profis inszeniert. Die „echte“ Avril liest viel, schreibt, hört Musik und geht selten aus. Das brauche sie auch, meint Löhken und nennt es „nicht artgerechte Haltung“, wenn Introvertierte alle „Extro-Aktivitäten“ mitmachen müssen. „Durch ständige Stimulation und Unruhe wird ihnen ihre Kraftquelle der Ruhe entzogen“. Nicht ohne Folgen: Die Intros können sich schlechter konzentrieren, sind müde, gereizt und schlecht gelaunt. Dann wird mangelnder Elan kritisiert – eine Fehlinterpretation. Bei Germanys Next Topmodel sagt Klum dann: „Heute habe ich leider kein Foto für dich“.

 „Leider habe ich keine Gefühle für dich“ heißt es ebenso fix bei der Partnersuche. Denn Extros haben mehr Unternehmenslust. Wenn sie oft zuhause bleiben tragen sie Sorge etwas zu verpassen. Sie empfinden die „Einzelgänger“ als „Bremse“. Bei zu viel „mitschleifen“ stört die schlechte Laune der „Stubenhocker“ den Beziehungsfrieden. Dennoch passen Intros und Extros gut zusammen „Gegensätzliche Stärken sind ein Höchstmaß an Ergänzung füreinander“ sagt Löhken. „Die Partner müssen sich bloß gegenseitig ihren persönlichen Freiraum lassen“.

Damit Introvertierte weniger auf der Verliererseite stehen, hat sie ihr Buch „Leise Menschen – starke Wirkung“ geschrieben. Ein Intro soll sich besser vermarkten, indem er sein besonderes Einfühlungsvermögen, Beharrlichkeit und Tiefgang in den Vordergrund stellt. Auch gilt es, die Fähigkeit zu emotional los gelösten Entscheidungen heraus stechen zu lassen. „Intros sind die bessern Ratgeber“ sagt Löhken. Nach innen Gekehrte bleiben beständiger bei der Arbeit und emotional gebunden in Beziehungen. Wenn die Extros den Wert der „anderen“ erkennen sei der Effekt für beide Seiten ein gewinnbringenderes Leben.

25/03/2014 / Caro Ritgen

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