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Das Heimwegtelefon

„Frau, 41, überfallen“ und „verletzt“ stand in der Zeitung. Eine dieser kleinen Meldungen, die man schon hundertfach gelesen hat und zum Schutz der Privatsphäre der Opfer ohne Details formuliert sind. Die Zeile hätte jede Frau sein können. In diesem Fall war es Susanne Leinemann Journalistin und Mutter von zwei Kindern. In ihrer Reportage Der Überfall  beschriebt sie, wie sie in einem bürgerlichen Berliner Wohnviertel um kurz nach 23 Uhr an einem lauen Frühlingsabend zum Opfer wurde. Blutend schleppte sie sich nach Hause: Platzwunden, gebrochene Nase, abgebrochene Zähne, gebrochener Schädel – wegen einer Handtasche mit ein bisschen Bargeld. Sie war so benommen, dass sie zunächst nicht wusste, was passiert war. Hilfe war keine vor Ort.

Das wollen die Berlinerinnen Anabell Schuchhardt (29) und Frances Berger (31) ändern. Deshalb haben sie zum normalen Festnetztarif das deutsche „Heimwegtelefon“ gegründet (030-12074182, heimwegtelefon.de). Freiwillig sitzen die beiden Frauen jeden Freitag und Samstag von 22 bis 2 Uhr an der Leitung, um diejenigen nach Hause zu begleiten, die nachts alleine auf der Straße sind. Zu Beginn nennt der Anrufer sein Ziel. Dann begleitet der Mitarbeiter die Passantin oder auch Passanten am Telefon bis zur Wohnungstür. Zwischendurch wird der aktuelle Aufenthaltsort abgefragt. Wenn tatsächlich etwas passiert, kann die Hotline die Polizei rufen.

Ist es Tätern nicht ziemlich egal, ob das Opfer telefoniert?

„Das Opfer würde im selben Augenblick mit jemandem interagieren, sodass ich als Täterin schneller erwischt werden könnte. Das schreckt Täter ab.“ sagt Frances Berger. Selbst ist ihr noch nie etwas zugestoßen, doch sie habe das Gefühl, dass der Heimweg nachts allein nicht sicher ist.  Dem Bundeskriminalamt (BKA) nach sind die Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötig sind im Jahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 6,5 Prozent auf 8.031 Delikte gestiegen. Die Zahl der Raubüberfalle steigerte sich um 1,4 Prozent auf 48.711 angezeigte Taten. Nur die Hälfte der Verbrechen konnte aufgeklärt werden.

Ist die Angst in einer Großstadt besonders groß? Frances Berger sagt „Nein. Der Ort ändert nichts an der Tatsache dass man sich auf dem Heimweg unwohl fühlt. Das kann überall sein“. Laut Bundeskriminalstatistik 2012 hat Frankfurt am Main unter den Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern die höchste Kriminalitätsrate, gefolgt von Düsseldorf, Köln und Berlin. Die drei Bundesländer mit den meisten Straftaten pro 100.000 Einwohner waren der Auswertung nach Berlin, Bremen und Hamburg.

Kritiker fragen, ob das Angebot des Heimwegtelefons den Eindruck erwecke, dass man Angst haben muss? Das ist Gründerin Frances Berger egal. „Ziel des Projekts ist denjenigen mehr Sicherheit zu geben, die einfach ein mulmiges Gefühl haben.“

Noch befindet sich das ehrenamtliche Projekt in der Testphase und soll deutschlandweit mit freiwilligen Helfern ausgebaut werden. Unter der Woche ist Anabell Schuchhardt Geschäftsführerin eines Rückenzentrums. Frances Berger ist Mutter eines Sohnes und arbeitet bei einer Unternehmensberatung und als Fotografin. Für das Heimwegtelefon nutzen die beiden Frauen ihre Kompetenzen aus dem Projektmanagement.

Mit einer kostenlosen Callcenter-Software können ehrenamtliche Helfer aus ganz Deutschland mitmachen, die über einen Computer und eine gute Internetverbindung verfügen. Die Auswahl erfolgt sorgfältig. Schließlich sollen die Ehrenamtlichen Vertrauen erwecken und zuverlässig sein.

Bleibt zuletzt die Frage, ob die beiden damit Geld verdienen wollen? Klare Antwort von Frances Berger: „Nein“, aber „wir versuchen das deutschlandweite Heimwegtelefon über Spenden und Crowdfunding zu finanzieren und sind auf der Suche nach langfristigen Sponsoren“.

 

24/03/2014 / Caro Ritgen

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